Verkehrswende: Parallelen zur frühen Energiewende deutlich erkennbar

20.09.2018:

Am Anfang der Veränderung stehen meist motivierte und engagierte Individuen, sei es in der Politik, oder in der Bevölkerung, unter den Konsumenten. Veränderung von oben, von der legislativen Ebene aus, will meist lenken - gut strukturiert sollen langfristige Prozesse durch Rahmenbedingungen begleitet werden. Veränderung von unten hingegen ist oft pragmatisch, radikal, innovativ neue Grenzen austestend und hat das Zeug dazu, Menschen von Ideen zu überzeugen. So zu überzeugen, dass einzelne aus sich herausgehen und sich für eine Idee einsetzen, ins Risiko gehen, und Zeit, Kraft und Geld einbringen um sich für etwas einzusetzen.

Entwicklung der Erneuerbaren Energien, Konkurrenz, Unterschätzung der Dynamik

Zu Beginn der frühen Energiewende waren es überwiegend die Tüftler, die mit dem Antrieb der Anti-Atombewegung und der Katastrophe von Tschernobyl anfingen, Windkraft und Photovoltaik als Alternativen zur damals allmächtigen Kernkraft sowie der Kohleverbrennung zu denken, und zu bauen. Erst wurden sie belächelt, und die Nutzung der regenerativen Energieträger auf breiter Ebene für technisch unmöglich erklärt. Zitat deutsche Stromwirtschaft, 1993, welches auch von der damaligen Umweltministerin Dr. Angela Merkel übernommen wurde:

Atomstrom wird gebraucht, denn "...Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 Prozent unseres Stromverbrauchs decken".

Die Unternehmen, die heute ihre fossilen Kraftwerkssparten rechtlich von den Erneuerbaren Energieträgern abgetrennt oder auch verkauft haben, und sich nun als Teil der Lösung präsentieren, haben zuerst die Notwendigkeit der Energiewende geleugnet, dann haben sie die Dynamik unterschätzt. Auch eine Insolvenz eines großen deutschen Energieversorgers hätte wohl niemandem unmöglich erscheinen sollen - wenn nicht weite Teile der Politik ihre schützende Hand über diese halten würde. Doch sind in den letzten 20 Jahren viele mittelständische Unternehmen entstanden, die den sich veränderten Markt inzwischen prägen. In der Fläche haben Windkraftunternehmen und Biogasbauern sowie Solarteure wohl mehr neue Jobs geschaffen, als in der Kohle- und Atomindustrie insgesamt vorhanden sind.

Frappierende Ähnlichkeit zum deutschen Verkehrssektor

In die Verkehrswende investieren

Wer sich in den letzten Jahren mit dem Thema "Verkehr und Mobilität" in Deutschland beschäftigt hat, kann sich vor Parallelen kaum retten. Verbrennungsmotoren sind allgegenwärtig, und die ersten ökologische Alternativen wurden meist belächelt, teils als "Spinnerei" abgewertet. Die Macht der Automobilkonzerne sowie deren Lobbyisten schien und scheint vielen zu stark, um in diesem Markt etwas verändern zu können. Und doch steht die Veränderung unmittelbar bevor, deren Dynamik und Wucht viele nicht sehen, und auf die auch viele Unternehmen nicht vorbereitet sind. Der Europäische Automobil-Lobbyverband ACEA aus Brüssel warnt vor Jobverlusten durch die Umstellung auf Elektromobilität, weil "Produktion und Instandhaltung von elektrisch angetriebenen Fahrzeugen weniger arbeitsintensiv ist". Auch in der Kohleindustrie ist die Drohung mit dem Verlust von Jobs meist das Hauptargument, nachdem inzwischen allerseits anerkannt wurde, dass Kohlestrom in erheblichem Maße klima- und gesundheitsschädlich ist.

Vertrauen in deutsche Autohersteller und Verkehrsministerium erschüttert

Wer sich die Frage stellt, ob die Umstellung auf nachhaltig-ökologische Mobilität mit den bestehenden Automobilherstellern glaubwürdig und rasch zu schaffen ist, findet klare Antworten: Um den Klimawandel sowie die politischen Abhängigkeiten von erdölfördernden Ländern seit langem wissend, produzieren die Hersteller weiterhin fast ausschließlich mit Verbrennungsmotoren ausgestattete Fahrzeuge und betrügen mit manipulativer Software den Käufer, die Umwelt, und alle Menschen die schadstoffbelastete Luft einatmen. Die Weigerung, den Konsumenten in Deutschland etwa finanziell zu entschädigen (was in den USA passiert), ist ein peinliches Armutszeugnis. Die Weigerung, mit Hardware-Nachrüstungen einen positiven Beitrag zur Einsparung von Abgasen zu leisten, ist hingegen eine Bankrotterklärung. Wer glaubt in der Folge daran, dass solche Unternehmen einen konsequenten Weg hin zu Mobilität entwickelt werden, der sich auch an Umwelt- und Gesellschaftseinflüssen orientiert?

nachhaltig in Elektromobilität investieren

Alternativen entstehen: Junge Unternehmen und deren Investoren übernehmen Verantwortung

Wer Ökostrom von Atom- und Kohlekonzernen kauft, hilft diesen Unternehmen auch, ihr zerstörerisches Geschäftsmodell über die Zeit zu retten - Zeit, die im Sinne der Klimaziele wahrscheinlich nicht bleibt. Daher plädiere ich immer dafür, sich Zeit für alternative Anbieter zu nehmen, die konsequent, glaubwürdig und mit Herz und Verstand neue Wege einschlagen. Natürlich sind diese immer mit großen Chancen und großen Risiken verbunden, aber sie treiben mit Ihren Entwicklungen und mit der Euphorie, die neues entfacht, die alten Konzerne und auch die Gesellschaft vor sich her. Als Beispiel seien hier zwei Unternehmen genannt: Die e.Go Mobile AG aus Aachen entwickelte den elektrisch betriebenen Streetscooter, den die deutsche Post zu tausenden nutzt - in der klassischen deutschen Automobilbranche wollte kein Unternehmen ein solches Auto für die deutsche Post bauen. Und in München entwickelt das Unternehmen Sono Motors GmbH mit dem Sion ein familienfreundliches urbanes Elektroauto mit 7,5m² Photovoltaik in der Karosserie, das ab Ende 2019 in die Serienproduktion gehen soll - für 16.000 Euro zzgl. Batteriekosten. Mit ab Werk integrierter Carsharingsoftware sowie der Möglichkeit, gespeicherten (und selbst produzierten) Strom auch wieder abzugeben, wird der Käufer zum Teil der Energiewende. Für das Unternehmen steht laut Satzung "der Schutz der Umwelt und der Ressourcen über allem unternehmerischen Handeln". Das Kapital für den Unternehmensaufbau kommt in diesem Fall von einer Vielzahl von Investoren und Privatanlegern, die wirtschaftlich und ökologisch denken, und das Unternehmen als Projekt sehen, dass es auch zu unterstützen gilt.

Das erinnert mich wiederum stark an die Anfänge der Erneuerbaren Energiebranche - dort liegt der Anteil von Sonne, Wind und Co. am deutschen Strommarkt inzwischen bei über 40%, sogar noch vor der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke 2022. Und die ehemaligen Platzhirsche RWE und E.ON feilschen darum, wie lange ihre alten Kohlekraftwerke noch am Netz bleiben dürfen - bei weiter steigenden CO²-Preisen erledigt sich das Thema hoffentlich bald von selbst (wichtig: der Hambacher Forst muss bis dahin geschützt bleiben!). Ist es so schwer - angesichts der zunehmenden Dieselfahrverbote in deutschen Großstädten - sich ein ähnliches Szenario für den Automobilmarkt vorzustellen?

 

Kommentar von Michael Horling

 

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