25. April 2015: Grüne Sachwerte am RWE-Braunkohletagebau Garzweiler - 6.000 Menschen demonstrieren für Kohleausstieg

Menschenkette gegen Kohle 2015
Anti-Kohle-Menschenkette in Immerath, direkt neben dem RWE-Braunkohletagebau Garzweiler: Dorf wird in Kürze abgebaggert

"Am 25. April 2015 demonstrierten 6.000 Teilnehmer einer 7,5 km langen Menschenkette entlang der Tagebaukante zwischen Keyenberg und Immerath gegen klimaschädliche Kohleverstromung." So steht es aktuell auf der Wikipedia-Seite zum Tagebau Garzweiler, eher als kleinere Notiz unter dem Punkt "Protest und Wiederstand von Tagebaugegnern". Unser Gefühl jedoch sagt uns, dass hier ein großes Ausrufezeichen gesetzt wurde - das Braunkohlezeitalter geht endgültig vorbei.

Großes Ausrufezeichen: Braunkohlezeitalter geht vorbei

Mit fünf Personen war das Grüne Sachwerte Team an diesem Tag ebenfalls auf der Demonstration für einen raschen Kohleausstieg und schildert seine Eindrücke und Gedanken zu diesem traurigen Thema. Wir befanden uns überwiegend im Bereich der Stadt Immerath, das bereits seit 2013 abgerissen wird. Um 1970 lebten hier über 1.500 Menschen - heute sind noch wenige vereinzelte Einwohner geblieben. Voraussichtlich 2017 wird die Stadt von RWE Power vollständig abgebaggert. 

Von Keyenberg bis Immerath - Orte "in Umsiedlung"

RWE lässt "Dom von Immerath" abreißen
Die Pfarrkirche St. Lambertus, aufgrund ihrer Größe auch "Dom von Immerath" genannt, wurde von 1888 bis 1891 erbaut - und wird demnächst von RWE Power abgerissen.

Immerath und seine Nachbarstädte und -gemeinden liegen allesamt im Rheinischen Braunkohlerevier. Bereits seit über 100 Jahren wird in Deutschland aus Braunkohle Strom erzeugt. Wie lange noch? Angesichts der enormen klimaschädlichen Emissionen, die insbesondere bei der Verstromung von Braunkohle entstehen, kann es eigentlich gar nicht schnell genug gehen. Aber obwohl schwer zu glauben, werden selbst heute und in den nächsten Jahren noch weiterhin ganze Dörfer zwangsweise umgesiedelt und vernichtet, um an den darunter gelegenen Rohstoff Braunkohle zu gelangen.

In Immerath bedeutet dies nicht zuletzt die baldige Zerstörung des "Doms von Immerath", wie die Pfarrkirche St. Lambertus aufgrund ihrer Größe genannt wird. Ähnlich ergeht es dem sich in Umsiedlung befindlichen Ort Borschemich und zukünftig wohl auch den Orten Berverath, Keyenberg oder Kuckum, deren Ende beschlossen ist.

Demonstrationen mit unterschiedlichen Motiven

Die an diesem Tag zeitgleich in Berlin abgehaltene Demonstration gegen die Beeinträchtigung der Kohleindustrie, bei der sich neben der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) natürlich hauptsächlich die fossilen Energieversorger wie Vattenfall und RWE darstellen, ist ein Spiegelbild der unterschiedlichen Interessenlage. In Berlin demonstrieren die meisten Menschen für ihren Job und ihre persönlichen Interessen - in Immerath, am Rande eines der größten Tagebauten Europas, geht es den allermeisten Menschen um das Klima, die Umwelt, und den Umgang mit den Grundrechten der Einwohner in der Region. In Berlin organisieren die Kohlekonzerne RWE und Vattenfall mit gemieteten Bussen die Demonstranten, während in Immerath und Umgebung die Menschen aus eigenem Engagement und auf eigene Kosten anreisen und für eine bessere Zukunft demonstrieren.

Energiewende bringt mehr neue Jobs, als in Kohleindustrie wegfallen

Demonstration gegen Braunkohle in Immerath 2015
Demonstration gegen Braunkohle in Immerath, 25. April 2015: Nur marginale Jobverluste in Kohleindustrie im Vergleich zu neuen Jobs durch Energiewende

Viele der Demonstranten bei der Anti-Kohle-Kette sind neben ihrem privaten Engagement auch beruflich im Bereich der Erneuerbaren Energien tätig, wie Grüne Sachwerte. Das ist aber ein Fakt, der zur Logik der Energiewende dazugehört: Durch den Umstieg von zentralen Großkraftwerken der Atom- oder Kohlebranche hin zu vielen tausenden von kleinen dezentralen EE-Kraftwerken entstehen vielfältige und zukunftsorientierte Arbeitsplätze quer durch das Land. Insbesondere ist es wichtig zu verstehen, dass in Summe durch die Energiewende deutlich mehr Jobs geschaffen werden, als in der "alten" fossilen Energiebranche verloren gehen.

Bei der Schlussversammlung der Anti-Kohle-Menschenkette, die vor dem Dom von Immerath stattfindet, ist die Motivation der Menschen deutlich spürbar. Trotz des traurigen Rahmens, in einer verlassenen Stadt, die sich anfühlt wie eine triste Filmkulisse, ist die Stimmung gut: Wir alle sind uns sicher, dass die Umweltbewegung ein deutliches Ausrufezeichen für einen baldigen Ausstieg aus der Kohle gesetzt hat.

 

Quellen: Wikipedia, Campact, Taz, Grüne Sachwerte

 

Umweltbewegung muss Druck für Kohleausstieg machen

Kommentar von Michael Horling, Grüne Sachwerte e.K.

Zur Anti-Kohle-Menschenkette am Braunkohletagebau Garzweiler ein Kommentar von Michael Horling, Geschäftsführer von Grüne Sachwerte:

"Die Umweltbewegung im Bereich der Energiewende hat sich lange Zeit sehr stark auf die Atomkraft konzentriert. Große, weithin sichtbare und letztendlich auch erfolgreiche Aktionen gab es zum Thema der atomaren Bedrohung schon seit langer Zeit. Der aufgebaute Druck der Anti-Atomkraft-Bewegung hat dazu geführt, dass die letzte Bundesregierung im Jahr 2011 ihren "Ausstieg aus dem Atomausstieg" nicht nur korrigieren musste, sondern acht AKW direkt abschaltete. Dazu musste mit der Reaktorkatastrophe von Fukushima zwar erst eine atomare Katastrophe geschehen, doch im Vergleich mit anderen Staaten, welche die Atomkraft nutzen, gab es somit in Deutschland eine ganz klare Reaktion, die weltweit Beachtung findet. 

Kohle- und Atomausstieg gemeinsam schaffen

Ohne eine starke Umweltbewegung, die sich klare Ziele setzt und sichtbar in Erscheinung tritt, wird die Politik sich nicht gegen die Wirtschaftsinteressen der großen Konzerne durchsetzen. Dies muss auch in der Bemühung um einen raschen Ausstieg aus der Kohlekraft gelingen. Ein gleichzeitiger Ausstieg aus Atom- und Kohle ist kein Widerspruch, sondern eine Notwendigkeit, an der so viele Menschen, Vereine, Genossenschaften, Umweltorganisationen und nachhaltige Unternehmen gemeinsam arbeiten, dass es machbar ist!" 

Bremen, den 5. Mai 2015.
Kommentar von Michael Horling, Geschäftsführer Grüne Sachwerte